Die Frühe NeuzeitRatgeber

Wie der Kapitalismus entstand: von Kaufleuten bis zur Fabrik

Der Kapitalismus entstand schrittweise. Fernhandel und Bankhäuser wie die Medici und Fugger gab es in Europa schon im Mittelalter, seit dem 16. Jahrhundert kamen Plantagen in den Kolonien, Großgüter in England und Aktiengesellschaften wie die niederländische VOC hinzu. Den Durchbruch zum modernen Kapitalismus mit massenhafter Lohnarbeit brachte die Industrialisierung, die um 1760 in Nordwestengland begann.

Ein Kontor des 16. Jahrhunderts mit schwerem Holztisch, Messingwaage, geschlossenen Lederbänden und Blick auf einen Hafen
Bild: KI-generiert

Kapitalismus gab es lange, bevor jemand das Wort benutzte. Gebräuchlich wurde der Begriff erst Ende des 19. Jahrhunderts, in Deutschland vor allem durch Werner Sombarts Buch "Der moderne Kapitalismus" von 1902 [2]. Der Historiker Jürgen Kocka beschreibt mehrere Formen, die der Industrialisierung vorausgingen: einen Kaufmannskapitalismus seit dem Hochmittelalter, Bankhäuser, die Handel und Kriege finanzierten, sowie Plantagen und Großgüter seit dem 16. Jahrhundert [1]. Zur Massenerscheinung wurde die Lohnarbeit erst mit der Industrialisierung [1].

Was Kapitalismus bedeutet

Eine einfache Bestimmung gibt die Publizistin Ulrike Herrmann: Kapital wird eingesetzt, um am Ende mehr Kapital zu haben, also Gewinn zu erzielen. Daraus entsteht ein Prozess, der exponentielles Wachstum erzeugt [2]. Kapital ist dabei mehr als Geld. Geld gibt es seit Jahrtausenden, Kapital im modernen Sinn ist nach Herrmann jung [2]. Wie umstritten der Begriff war, zeigt eine Zählung aus dem Jahr 1918, die bereits 111 verschiedene Definitionen fand [2].

Über den Beginn streitet die Forschung bis heute. Herrmann setzt den modernen Kapitalismus um 1760 in Nordwestengland an, als Textilhersteller das Spinnen und Weben mechanisierten [2]. Kocka verfolgt dagegen längere Linien zurück bis ins Mittelalter [1]. Die Geschichte des Geldes selbst erzählt der Artikel Die Geschichte des Geldes.

Kaufleute und Bankhäuser

Fern- und Großhandel blühte in Europa seit dem Hochmittelalter, in Arabien und China noch früher [1]. Bankhäuser wie die Medici, die Fugger und später die Barings finanzierten im späten Mittelalter und in der Frühen Neuzeit den Fernhandel und die Kriege und Staatsbildung der Fürsten [1]. Der Mathematiker Luca Pacioli (um 1445 bis 1517) beschrieb 1494 in einem in Venedig gedruckten Werk als Erster die doppelte Buchführung vollständig. Erfunden hatte er sie nicht [4].

Ein gewölbtes Lagerhaus aus Stein mit Kupferbarren, Stoffballen und Holzkisten im Licht einer Laterne
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Die Fugger sind seit 1367 in Augsburg ansässig [14]. Ihre Firma unterhielt Handelsstützpunkte, sogenannte Faktoreien, in Venedig und Nürnberg, dazu kam Rom für Geldüberweisungen an die päpstliche Kurie [5, 6]. Jakob Fugger gründete im Jahr 1500 eine Faktorei in Lissabon und unterhielt auch eine in Antwerpen [5]. Kupfer aus Oberungarn, der heutigen Slowakei, ging zur Ostsee und von dort per Schiff nach Antwerpen und Portugal [5]. Nachrichten liefen über Briefe, die Jakob Fugger auch mit der Taxis-Post zwischen den Niederlanden und Tirol verschickte [5].

Über Kredite sicherten sich die Fugger eine monopolartige Nutzung von Kupfer- und Silbervorkommen [6]. Ihre Kredite für die Wahl Karls V. zum Kaiser brachten ihnen Pachtrechte an Quecksilbergruben in Spanien. Nach Jakobs Tod 1525 verlegte Anton Fugger das Geschäft stärker nach Spanien, 1548 zog sich die Firma aus dem ungarischen Handel zurück [6]. Mehr über den Kaiser steht im Artikel über Karl V.

Verlag und Manufaktur

Auch die Herstellung von Waren änderte sich lange vor den Fabriken. Etwa vom 15. bis ins frühe 19. Jahrhundert entstanden in Europa Gewerberegionen, in denen auch ein großer Teil der Landbevölkerung für überregionale und internationale Märkte produzierte. Die Forschung spricht von Protoindustrialisierung [11]. Die Technik blieb einfach, die Organisation war dagegen recht verwickelt [11].

Eine ländliche Stube mit Handwebstuhl, Spinnrad und Strängen aus Leinengarn an einem Holzbalken
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Pfister unterscheidet mehrere Formen. Im Kaufsystem besaßen die Hersteller Rohstoffe und Werkzeuge selbst und verkauften das fertige Produkt an Kaufleute, oft auf Märkten mit amtlicher Qualitätskontrolle wie den Leinwandmärkten, den Leggen [11]. Weil die Händler hier kaum in die Herstellung eingriffen, fanden solche Gewerbe oft nur schwer den Weg zur Industrie. Die Leinenspinnerei in Bielefeld wurde zum Beispiel erst in den 1850er-Jahren mechanisiert [11].

Im Verlag stellte ein Kaufmann, der Verleger, den Spinnerinnen und Webern Rohstoffe und manchmal auch Werkzeuge. Sie verarbeiteten die Ware in einer festgesetzten Zeit gegen einen vereinbarten Lohn [11]. Der Wirtschaftshistoriker Ulrich Pfister beschreibt, wie der Kaufmann so vom Händler zum Organisator der Produktion und zum Unternehmer wurde [11]. Baumwoll- und Eisenverarbeitung, die späteren Leitsektoren der Industrialisierung, waren vor 1800 überwiegend so organisiert [11]. Daneben gab es Manufakturen als Eigenbetriebe der Unternehmer. Die größten waren im 18. Jahrhundert Baumwolldruckereien mit bis zu 600 Beschäftigten [11].

Aktiengesellschaften und Staatsbank

Für den Handel mit Asien brauchte man so viel Geld, dass sich viele Anleger zusammentaten. Die englische East India Company entstand am 31. Dezember 1600 als Aktiengesellschaft, an deren Gewinn die Anleger beteiligt waren [12]. Die niederländische VOC sammelte im August 1602 von 1.143 Anlegern 6,4 Millionen Gulden ein, 57 Prozent davon in Amsterdam [7]. Die World History Encyclopedia nennt sie das erste börsennotierte Unternehmen der Welt [7]. Bezahlt wurde im Welthandel oft mit Silber aus Amerika. Die silbernen Pesos, die seit der Mitte des 16. Jahrhunderts im spanischen Kolonialreich geprägt wurden, blieben bis Ende des 18. Jahrhunderts Welthandelswährung [13]. Zwischen 1500 und 1800 förderte Lateinamerika nach einer konservativen Schätzung rund 150.000 Tonnen Silber, mehr als 80 Prozent der Weltproduktion. In den Bergwerken war oft die Hälfte der Arbeiter zur Arbeit gezwungen [13]. Wie diese Kompanien handelten, beschreibt der Artikel über den Kolonialhandel.

Am 27. Juli 1694 wurde in London die Bank of England gegründet, zunächst als private Bank, die der Regierung als Bankier dienen sollte. Ihr Hauptzweck war, den Krieg gegen Frankreich zu finanzieren [8]. Zu den ersten Anteilseignern gehörten König Wilhelm und Königin Maria, die der Bank 1694 ihre Urkunde gaben [8]. Banknoten wurden bis 1725 von Hand geschrieben, oft genau über den Betrag, den ein Kunde eingezahlt hatte. Ab 1725 gab die Bank teilweise gedruckte Noten ab 20 Pfund aus, den genauen Betrag trug ein Kassierer von Hand ein [8].

Plantagen und Großgüter

Seit dem 16. Jahrhundert legten Europäer in Amerika, Asien und Afrika Plantagen an. Das weitete den Handel mit versklavten Menschen und deren Einsatz für kapitalistische Zwecke enorm aus. Kocka zählt diesen Plantagenkapitalismus zu den wohl grausamsten Kapiteln der globalen Geschichte des Kapitalismus [1]. Wie wichtig die Sklaverei für die Entstehung des Kapitalismus war, ist umstritten. Der Historiker Sven Beckert hält den Kapitalismus ohne sie für undenkbar. Herrmann schränkt ein: Auch Beckert sehe ihre Bedeutung im frühen Kapitalismus vor allem bei der Baumwolle [2]. Die Verschleppung von Menschen über den Atlantik beschreibt der Artikel über den atlantischen Sklavenhandel.

Weite eingezäunte Felder mit Hecken eines englischen Landguts im Morgennebel, in der Ferne ein steinernes Gutshaus
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In England wurde Land seit dem 16. Jahrhundert zu großen Gütern zusammengelegt, die adligen und bürgerlichen Eigentümern gehörten. In Ostmittel- und Osteuropa verkauften Gutsbesitzer Getreide auf internationalen Märkten und ließen es zugleich von leibeigenen und abhängigen Bauern anbauen [1]. Kocka nennt das Agrarkapitalismus [1].

Merkantilismus und Adam Smith

Im Zeitalter des Absolutismus vom 16. bis 18. Jahrhundert lenkten viele Staaten die Wirtschaft selbst. Ein Land sollte möglichst viele Waren ins Ausland verkaufen und möglichst wenige einführen, dafür gab es hohe Zölle auf Einfuhren und staatlich geförderte Manufakturen [10]. Der französische Finanzminister Jean-Baptiste Colbert gilt als einer der bekanntesten Vertreter dieser Politik [10].

Als Gegenentwurf zum Merkantilismus erschien am 9. März 1776 in London Adam Smiths Buch "An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations" [9]. Seine Überlegungen zur Arbeitsteilung begründete Smith am Beispiel der Herstellung von Stecknadeln [9]. Die oft zitierte "unsichtbare Hand" erwähnt er nur am Rand [9]. Sklavenarbeit hielt Smith am Ende für die teuerste Form der Arbeit [2].

Max Weber und die Religion

1905 stellte der Soziologe Max Weber die These auf, dass der Calvinismus die Entstehung des Kapitalismus begünstigt habe [3]. Der Historiker Axel Gotthard hält die These für plausibel, aber nicht empirisch beweisbar [3]. Als Gegenbeispiele nennt er Jakob Fugger, der katholisch blieb, und die protestantischen Reichsstädte, die keine Zentren wirtschaftlichen Fortschritts waren [3]. Was die Reformation sonst veränderte, beschreibt der Artikel über die Reformation.

Der Durchbruch in England

Nach Herrmann war die Wirtschaft vor dieser Zeit weitgehend auf der Stelle getreten. Ab etwa 1760 wuchs sie in Nordwestengland exponentiell, weil Maschinen zum ersten Mal in großem Stil menschliche Arbeit ersetzten [2]. Herrmann spricht deshalb von einer Revolution [2]. Wirtschaftshistoriker haben über 20 Theorien entwickelt, warum gerade England vorn lag. Am überzeugendsten findet Herrmann die hohen Löhne, die Maschinen dort lohnend machten [2]. Technisch waren die Briten ihrer Ansicht nach den Römern nicht überlegen, die Dampfmaschine beruhte auf Prinzipien, die seit Archimedes bekannt waren [2].

Eine Textilfabrik aus rotem Backstein mit hölzernem Wasserrad an einem Bach in einem grünen Tal
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Die Industrialisierung begann im späten 18. Jahrhundert in England und erfasste im 19. Jahrhundert Europa, Nordamerika und Japan [1]. Erst jetzt wurde die vertraglich geregelte Lohnarbeit zur Massenerscheinung [1]. Mit ihr kamen die ersten Schutzgesetze: In Preußen wurde ab 1839 schrittweise ein Verbot der Kinderarbeit eingeführt, in den 1880er-Jahren folgten die Sozialversicherungsgesetze unter Bismarck [1]. Wie dieser Umbruch verlief, beschreibt der Artikel über die Industrielle Revolution. Mit dem Kapitalismus der Industriezeit setzte sich Karl Marx auseinander. Einen Überblick über die längere Entwicklung gibt der Artikel Wirtschaft und Handel in der Geschichte.

  1. Studie Jürgen Kocka: Arbeit im Kapitalismus. Lange Linien der historischen Entwicklung bis heute, in: Aus Politik und Zeitgeschichte. Bundeszentrale für politische Bildung. Stand 19.08.2015. abgerufen am 29.10.2026
  2. Studie Ulrike Herrmann: Vom Anfang und Ende des Kapitalismus (Essay), in: Aus Politik und Zeitgeschichte. Bundeszentrale für politische Bildung. Stand 19.08.2015. abgerufen am 29.10.2026
  3. Studie Axel Gotthard: Populäre Irrtümer rund um die Reformation (Dossier Reformation). Bundeszentrale für politische Bildung. Stand 18.01.2017. abgerufen am 29.10.2026
  4. Luca Pacioli. Wikipedia. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  5. Organisation Grundlagen für Jakobs wirtschaftlichen Erfolg. Fürstlich und Gräflich Fuggersche Stiftungs-Administration. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  6. Organisation Die bedeutendste Firma ihrer Zeit. Fürstlich und Gräflich Fuggersche Stiftungs-Administration. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  7. Kim Martins: Dutch East India Company. World History Encyclopedia. Stand 31.10.2023. abgerufen am 29.10.2026
  8. Organisation Our history. Bank of England. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  9. Der Wohlstand der Nationen. Wikipedia. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  10. Organisation Merkantilismus (Gerd Schneider, Christiane Toyka-Seid: Das junge Politik-Lexikon). Bundeszentrale für politische Bildung. Stand 2026. abgerufen am 29.10.2026
  11. Ulrich Pfister: Einführung, Vorgeschichte der Industrialisierung (Kurzskript zur Vorlesung Industrialisierung, WS 2021/22). Universität Münster, Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte. Stand 12.10.2021. abgerufen am 29.10.2026
  12. Mark Cartwright: East India Company. World History Encyclopedia. Stand 27.09.2022. abgerufen am 29.10.2026
  13. Studie Nikolay Kamenov: Globale Geld- und Warenströme (Dossier Postkolonialismus und Globalgeschichte). Bundeszentrale für politische Bildung. Stand 01.08.2016. abgerufen am 29.10.2026
  14. Organisation History of the Fugger family since 1367. Fürstlich und Gräflich Fuggersche Stiftungs-Administration. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026

Zuletzt geprüft am 29.10.2026, nächste Prüfung spätestens im Oktober 2027. Fehler entdeckt? Schreib uns.