Die Frühe NeuzeitRatgeber
Die europäischen Entdeckungsfahrten: von Heinrich dem Seefahrer bis James Cook
Als Entdeckungsfahrten bezeichnet man die Seereisen, mit denen Europäer ab dem 15. Jahrhundert neue Seewege und Länder suchten. Portugal tastete sich an der Küste Afrikas entlang bis nach Indien vor, Spanien setzte mit Kolumbus auf den Weg nach Westen. Die erste Weltumsegelung endete 1522.

Im 15. und 16. Jahrhundert brachen Seeleute aus Portugal und Spanien, später auch aus Frankreich und England zu Fahrten über den offenen Ozean auf. Sie suchten neue Handelswege, vor allem nach Asien, und stießen dabei auf Küsten und Inseln, die in Europa unbekannt waren [1, 5, 11]. Für die Menschen, die dort lebten, begann damit eine Zeit der Eroberung. Die Fahrt des Kolumbus erzählt ein eigener Artikel zur Entdeckung Amerikas.
Vorläufer: die Flotten des Zheng He
Große Seereisen gab es schon vorher, nur nicht von Europa aus. Der chinesische Admiral Zheng He führte zwischen 1405 und 1433 sieben Fahrten in den Indischen Ozean [10]. Zur ersten gehörten etwa 208 Schiffe mit über 27.800 Mann. Sie führte unter anderem nach Java, Sumatra, Malakka und Kalikut an der Westküste Indiens [10]. Spätere Fahrten erreichten Hormus am Persischen Golf und die Küste Ostafrikas [10]. Weil die amtlichen Berichte vernichtet wurden, sind Routen und Flottengrößen bis heute umstritten [10]. Wie Waren schon zuvor zwischen Asien und Europa wanderten, beschreibt der Artikel zur Seidenstraße.
Portugal und Heinrich der Seefahrer
Am Anfang der europäischen Fahrten stand Portugal. Am 22. August 1415 eroberten knapp 20.000 Portugiesen die nordafrikanische Stadt Ceuta. Prinz Heinrich, der später "der Seefahrer" genannt wurde, erhielt für seine Rolle dabei den Ritterschlag [2]. Ab 1419 sammelte er in Sagres Fachleute für Kartografie, Navigation, Astronomie und Schiffbau. Eine förmliche Seefahrtsschule gab es dort allerdings nicht [2].

Heinrich finanzierte Schiffsreisen entlang der afrikanischen Küste und auf den Atlantik hinaus [1, 2]. 1419 beanspruchte Portugal Madeira, ab 1420 wurde die Insel besiedelt. 1434 umrundete Gil Eannes das Kap Bojador, nachdem 14 Fahrten in zwölf Jahren daran gescheitert waren. Ab 1439 besiedelten Portugiesen die Azoren [2]. Heinrich starb 1460 [2].
Schiffe und Instrumente
Die meisten Schiffe der frühen portugiesischen Fahrten waren Karavellen [1]. Frühe Karavellen trugen dreieckige Lateinsegel, die sich für Küstengewässer eigneten. Spätere Formen hatten Rahsegel für die offene See oder kombinierten beide Arten [1]. Frühe Karavellen hatten bis zu 80 Tonnen, spätere 100 bis 150, die größere Rundkaravelle bis zu 300 Tonnen [2].

Um ihre Position zu bestimmen, nutzten Seeleute das Astrolabium. Mittags maßen sie damit die Höhe der Sonne, nachts die des Polarsterns, und lasen daraus die geografische Breite ab [13]. Die geografische Länge ließ sich damit nicht bestimmen. Wer seine Breite kannte, segelte deshalb auf ihr nach Osten oder Westen bis zum Ziel [13]. Fast ein Drittel aller bekannten Astrolabien entstand im 16. und 17. Jahrhundert in Portugal [13]. Auf einem schwankenden Schiff bei starkem Wind war das Gerät schwer ruhig zu halten, und Gradfehler konnten ein Schiff vom Kurs abbringen [13].
Um Afrika herum: Dias und da Gama
Im August 1487 verließ Bartolomeu Dias Lissabon mit drei Schiffen. Am 3. Februar 1488 erreichte er die Mossel Bay im heutigen Südafrika und hatte damit die Südspitze Afrikas umfahren [3]. Am 12. März 1488 errichtete er an der Algoa Bay ein Steinkreuz, dann zwang ihn seine Mannschaft zur Umkehr [3]. Dias nannte das Kap nach seinen Stürmen. König Johann II. gab ihm später den Namen Kap der Guten Hoffnung [3].
Zehn Jahre später folgte Vasco da Gama. Er brach am 8. Juli 1497 mit vier Schiffen und etwa 170 Mann in Lissabon auf und umrundete am 22. November 1497 das Kap [4]. Über Mosambik und Malindi im heutigen Kenia erreichte er am 20. Mai 1498 Indien bei Kalikut. Im Indischen Ozean hatte er dafür einen ortskundigen Lotsen angeheuert [4]. Auf der Rückfahrt ließ er wegen eines Skorbut-Ausbruchs die "São Rafael" verbrennen, im September 1499 war er wieder in Portugal [4]. Im Februar 1502 fuhr er mit zehn Schiffen ein zweites Mal nach Indien. Dabei bedrohte er den Herrscher von Kilwa und zwang die Bevölkerung zur Treue gegenüber dem portugiesischen König, in Kalikut beschoss er den Hafen, und mehrere muslimische Händler starben [4]. 1524 kehrte er als Vizekönig zurück und starb am 24. Dezember 1524 in Cochin [4].
Kolumbus und der Weg nach Westen
Spanien setzte auf eine andere Route. Christoph Kolumbus wollte Asien erreichen, indem er nach Westen segelte. Nachdem der portugiesische König abgelehnt hatte, finanzierten Ferdinand und Isabella von Spanien die Reise [5]. Am 12. Oktober 1492 landete Kolumbus auf einer Insel der Bahamas, die er San Salvador nannte [5]. Er glaubte, in Asien angekommen zu sein, und hielt Kuba für einen Teil Chinas [5]. Mehr zur Person steht im Artikel über Christoph Kolumbus.
Die Welt wird geteilt: der Vertrag von Tordesillas
Um Streit zwischen den beiden Seemächten zu vermeiden, zog Papst Alexander VI. 1493 eine Linie von Pol zu Pol 100 Leguas westlich der Kapverdischen Inseln [7]. Am 7. Juni 1494 einigten sich Ferdinand von Aragón, Isabella von Kastilien und Johann II. von Portugal im Vertrag von Tordesillas darauf, die Linie auf 370 Leguas westlich der Kapverden zu verschieben [6, 7]. Was westlich lag, sollte Spanien gehören, was östlich lag, Portugal [7]. Durch die Verschiebung fiel der östliche Teil des späteren Brasilien in die portugiesische Zone [6]. Der Vertrag von Saragossa übertrug die Teilung 1529 auf die andere Seite der Erde [7]. Das Original liegt im portugiesischen Nationalarchiv in Lissabon und gehört seit 2007 zum Weltdokumentenerbe der UNESCO [6].
Cabral und Brasilien
Am 9. März 1500 verließ Pedro Álvares Cabral Lissabon mit 13 Schiffen und 1.200 Mann in Richtung Indien. Auf dem Weg landete er bei Porto Seguro an der Küste Brasiliens [8]. Er blieb etwa zehn Tage und nannte das Land Terra de Vera Cruz [8]. Am 24. Mai 1500 sanken in einem Sturm vier Schiffe, auf einem davon starb Bartolomeu Dias [8]. Mit sechs Schiffen erreichte Cabral am 13. September 1500 Kalikut [8].
Die erste Weltumsegelung
Ferdinand Magellan, ein Portugiese in spanischen Diensten, brach am 20. September 1519 mit fünf Schiffen und etwa 200 Mann auf. Bezahlt hatte die Fahrt der spanische König Karl I. [9]. Nach einer Meuterei im April 1520 und dem Verlust der "Santiago" fand er am 21. Oktober 1520 die Durchfahrt an der Südspitze Südamerikas, die heute seinen Namen trägt. Im November 1520 erreichten drei Schiffe den Pazifik [9].

Die Überfahrt dauerte so lange, dass die Mannschaft erst nach 99 Tagen auf Guam wieder frisches Essen bekam [9]. Am 27. April 1521 starb Magellan auf den Philippinen in einem Gefecht mit rund 1.500 Kriegern der Insel Mactan, gegen die er mit etwa 60 Männern angetreten war. Juan Sebastián Elcano führte die "Victoria" weiter. Am 6. September 1522 erreichte sie Spanien mit nur 18 Überlebenden [9]. Den Lebensweg Magellans beschreibt der Artikel über Ferdinand Magellan.
| Jahr | Fahrt |
|---|---|
| 1434 | Gil Eannes umrundet das Kap Bojador [2] |
| 1488 | Bartolomeu Dias umfährt die Südspitze Afrikas [3] |
| 1492 | Kolumbus erreicht die Bahamas [5] |
| 1498 | Vasco da Gama erreicht Indien [4] |
| 1500 | Cabral landet in Brasilien [8] |
| 1519 bis 1522 | erste Weltumsegelung unter Magellan und Elcano [9] |
| 1534 und 1535 | Jacques Cartier am Sankt-Lorenz-Strom [11] |
| 1768 bis 1771 | erste Reise von James Cook in den Pazifik [12] |
Frankreich, England und der Pazifik
Auch andere Länder schickten Schiffe aus. Im Auftrag des französischen Königs Franz I. suchte Jacques Cartier Land, Reichtümer und eine Nordwestpassage nach Asien. Am 20. April 1534 brach er mit zwei Schiffen und 61 Mann in Saint-Malo auf [11]. Auf seiner zweiten Reise fuhr er 1535 den Sankt-Lorenz-Strom hinauf bis zum Ort Hochelaga, dem heutigen Montréal. Das Wort "Kanada" geht nach dieser Darstellung auf das irokesische Wort kanata für Dorf zurück [11].
Den Pazifik erkundeten Europäer erst im 18. Jahrhundert genauer. Der Engländer James Cook segelte am 30. Juli 1768 mit 84 Mann los, beobachtete 1769 auf Tahiti den Venusdurchgang und landete im April 1770 an der Botany Bay in Australien [12]. Auf seiner zweiten Reise drang er mehrmals über den südlichen Polarkreis vor. Er meldete, dass es den vermuteten großen Südkontinent nicht gebe [12]. Am 14. Februar 1779 wurde er auf Hawaii getötet [12].
Die Folgen
Die Fahrten verbanden Kontinente, die bis dahin getrennt gewesen waren. Pflanzen, Tiere und Krankheiten wanderten in beide Richtungen, ein Vorgang, den der Historiker Alfred Crosby 1972 den Kolumbianischen Austausch nannte [14]. Mais, Kartoffeln, Tomaten und Kakao kamen nach Europa, Pferde, Rinder, Weizen und Zucker nach Amerika [14]. Mit den Europäern kamen auch Pocken, Masern und Grippe, an denen ein großer Teil der einheimischen Bevölkerung Amerikas starb [14].
Schon die portugiesischen Fahrten waren mit Menschenraub verbunden. 1444 wurden in Lissabon etwa 240 Gefangene aus Afrika an Land gebracht, in den folgenden 15 Jahren laut World History Encyclopedia rund 20.000 [2]. Zwischen dem 16. und 19. Jahrhundert wurden schätzungsweise 12 bis 20 Millionen Afrikaner nach Amerika verschleppt [14]. Mehr dazu steht in den Artikeln zum atlantischen Sklavenhandel und zum Kolonialhandel.
- Organisation Caravel (Ages of Exploration). The Mariners' Museum and Park. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Mark Cartwright: Prince Henry the Navigator. World History Encyclopedia. Stand 04.08.2021. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Bartolomeu Dias (Ages of Exploration). The Mariners' Museum and Park. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Vasco da Gama (Ages of Exploration). The Mariners' Museum and Park. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Christopher Columbus (Ages of Exploration). The Mariners' Museum and Park. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Treaty of Tordesillas (Memory of the World). UNESCO. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Mark Cartwright: Treaty of Tordesillas. World History Encyclopedia. Stand 11.08.2021. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Pedro Álvares Cabral (Ages of Exploration). The Mariners' Museum and Park. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Ferdinand Magellan (Ages of Exploration). The Mariners' Museum and Park. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Zheng He (Ages of Exploration). The Mariners' Museum and Park. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Jacques Cartier (Ages of Exploration). The Mariners' Museum and Park. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation James Cook (Ages of Exploration). The Mariners' Museum and Park. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Mariner's Astrolabe (Ages of Exploration). The Mariners' Museum and Park. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- John Horgan: The Columbian Exchange. World History Encyclopedia. Stand 19.05.2022. abgerufen am 29.10.2026
Zuletzt geprüft am 29.10.2026, nächste Prüfung spätestens im Oktober 2027. Fehler entdeckt? Schreib uns.
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