Das 20. JahrhundertRatgeber

Geheimwaffen im Zweiten Weltkrieg: Technik, Propaganda und Zwangsarbeit

Als Geheimwaffen oder "Wunderwaffen" bezeichnete die NS-Propaganda neue Waffen wie die Flugbombe V1, die Rakete V2, das Strahlflugzeug Me 262 und das U-Boot Typ XXI. Sie kamen ab 1944 zum Einsatz, zu spät und in zu geringer Zahl, um den Krieg zu wenden. Gebaut wurden sie zum großen Teil von KZ-Häftlingen, von denen Zehntausende starben.

Ein großes verlassenes Backsteinkraftwerk an der flachen Ostseeküste unter grauem Himmel, davor Schilf und Kiefern
Bild: KI-generiert

Ab 1943 kündigte die NS-Propaganda Waffen an, die den Krieg noch zugunsten Deutschlands wenden sollten. Sie sollte die Moral der Bevölkerung und den Kampfgeist der Soldaten stützen, nachdem alliierte Bomber deutsche Städte zerstörten [1]. Tatsächlich entwickelte Deutschland mehrere technisch neue Waffen: die Flugbombe V1, die Rakete V2, das Strahlflugzeug Me 262 und ein U-Boot, das fast ständig unter Wasser fahren konnte. Diese Seite erklärt, was diese Waffen konnten, wer sie unter welchen Bedingungen herstellte und was nach 1945 aus der Technik und ihren Konstrukteuren wurde.

Peenemünde: das Versuchsgelände an der Ostsee

Im August 1936 begann an der Nordspitze der Insel Usedom der Bau der "Versuchsstelle Peenemünde". Die Bewohner wurden zwangsweise umgesiedelt, das Gebiet wurde Sperrgebiet [2]. Ab Mai 1937 zog die Stammbelegschaft schrittweise aus Kummersdorf bei Berlin nach Peenemünde, Wernher von Braun wurde technischer Direktor [2]. 1938 trennten sich die Heeresversuchsanstalt und die Versuchsstelle der Luftwaffe organisatorisch. Das Heer arbeitete an der Rakete A4, die Luftwaffe an der Flugbombe Fi 103 [2].

Überwachsene Betonfundamente in einem Kiefernwald nahe der Küste, Moos auf grauen Platten im Morgenlicht
Bild: KI-generiert

Im Oktober 1942 gelang der erste erfolgreiche Flug einer A4 [2]. Laut dem Deutschen Historischen Museum brannte ihr Triebwerk 58 Sekunden, die Rakete flog 190 Kilometer weit [1]. Die Fi 103 startete im Dezember 1942 zum ersten Mal erfolgreich [2]. In der Nacht vom 17. auf den 18.08.1943 griff die britische Royal Air Force Peenemünde an [2]. Kurz darauf fiel die Entscheidung, die Raketenproduktion in einen Stollen bei Nordhausen im Harz zu verlegen [2].

Die V1: eine Flugbombe mit Pulsstrahltriebwerk

Die V1 war eine unbemannte Flugbombe, entwickelt von Robert Lusser und Fritz Gosslau. Sie war 7,73 Meter lang und wog 2.200 Kilogramm, knapp die Hälfte davon Sprengstoff. Sie flog rund 600 Kilometer pro Stunde und erreichte Ziele in bis zu 370 Kilometern Entfernung [1]. Gestartet wurde sie zunächst von Rampen in Nordfrankreich, später auch von Flugzeugen aus [1].

Am 13.06.1944, eine Woche nach der Landung der Alliierten in der Normandie, schlug die erste V1 in London ein [1]. Im selben Monat prägte das Propagandaministerium nach Angaben des Museums Peenemünde den Begriff "Vergeltungswaffe" [2]. Militärisch blieb die Wirkung begrenzt: Nur etwa ein Viertel der Flugbomben erreichte sein Ziel. Beim Beschuss von Antwerpen holte die alliierte Flugabwehr mehr als 60 Prozent herunter [1].

Die V2: die erste Großrakete im Einsatz

Die V2 hieß in Peenemünde Aggregat 4 oder kurz A4. Sie trug einen Sprengkopf von 1.000 Kilogramm, flog schneller als 5.000 Kilometer pro Stunde, erreichte eine Höhe von rund 90 Kilometern und hatte eine Reichweite von 400 Kilometern. Bis London brauchte sie 320 Sekunden [1]. Weil Radar sie nicht erfassen konnte, gab es keine Vorwarnung [1].

Am 07.09.1944 feuerte die Wehrmacht die ersten V2 auf London ab, kurz darauf erschien die Bezeichnung "V 2" in der deutschen Presse [1, 2]. Bis Ende März 1945 folgten über 3.000 Raketen gegen Ziele in England, Belgien und Frankreich. Zwischen 8.000 und 12.000 Zivilisten kamen ums Leben, vor allem in London und Antwerpen [1].

MerkmalV1 (Fi 103)V2 (A4)
ArtFlugbombe mit PulsstrahltriebwerkFlüssigkeitsrakete
Geschwindigkeitrund 600 km/hüber 5.000 km/h
Reichweite370 km400 km
Erster Einsatz gegen London13.06.194407.09.1944

Mittelbau-Dora: Zwangsarbeit unter Tage

Nach dem Angriff auf Peenemünde zog die Produktion in das Stollensystem im Kohnstein bei Nordhausen, das vorher als Treibstofflager gedient hatte [1]. Im August 1943 kamen die ersten Häftlinge aus dem KZ Buchenwald dort an und mussten die Stollen ausbauen. So entstand das Außenlager Dora [1, 2]. Im Oktober 1944 machte die SS daraus ein eigenständiges Konzentrationslager mit mehr als 30 Außenlagern [3]. Als die Raketenfertigung im Herbst 1944 voll lief, waren dort zu jeder Zeit mindestens 12.000 Menschen inhaftiert [3].

Ein dunkler Stolleneingang am Fuß eines bewaldeten Hügels, nasse Steinwände und Herbstlaub am Boden
Bild: KI-generiert

Ab Januar 1944 entstanden im "Mittelwerk" bis März 1945 fast 6.000 Raketen [1]. Die Sterblichkeit lag höher als in den meisten anderen Konzentrationslagern. Wer zu schwach zum Arbeiten war, wurde nach Auschwitz-Birkenau oder Mauthausen gebracht und dort ermordet, mehr als 200 Häftlinge wurden wegen angeblicher Sabotage öffentlich erhängt [3]. Das Deutsche Museum nennt mindestens 20.000 Häftlinge, die an den Lebens- und Arbeitsbedingungen, an Krankheiten und Misshandlungen starben [4]. Die KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora nennt für den gesamten KZ-Komplex mehr als 60.000 Häftlinge, von denen ein Drittel die Haft nicht überlebte [9]. Im April 1945 erreichten amerikanische Truppen Nordhausen und befreiten das Lager [2].

Die Me 262: das erste Strahlflugzeug im Kriegseinsatz

Die Messerschmitt Me 262 flog am 18.04.1941 zum ersten Mal, damals noch mit einem Kolbenmotor, weil die Strahltriebwerke nicht fertig waren. Im Juli 1942 startete sie erstmals mit Strahlantrieb [5]. Mit rund 870 Kilometern pro Stunde war sie etwa 190 Kilometer pro Stunde schneller als die amerikanische Mustang, eines der schnellsten Propellerflugzeuge der Alliierten [5]. Ihre Triebwerke vom Typ Jumo 004 gehörten zu den ersten Strahltriebwerken, die in Serie gebaut wurden. Ab Ende September 1944 entstanden auch sie im Mittelwerk bei Nordhausen [4].

Insgesamt wurden 1.443 Maschinen fertig, aber nur etwa 300 kamen in den Kampf. Die übrigen gingen bei Unfällen in der Ausbildung oder durch alliierte Luftangriffe verloren [5]. Hitler verlangte, dass die Me 262 auch als Bomber gebaut wurde, rund 30 Prozent der Flugzeugzellen gingen deshalb in eine Bomberversion [5]. Gegen Kriegsende starteten einige Einheiten von behelfsmäßigen Plätzen an Autobahnen, weil die Alliierten den Luftraum beherrschten [5].

Das Elektroboot Typ XXI

Bei Kriegsbeginn bestand die deutsche U-Boot-Flotte aus 57 Booten, vor allem der Typen I, II, VII und IX [6]. Der neue Typ XXI gilt als erstes "echtes" U-Boot, weil er fast ständig unter Wasser fahren konnte. Getaucht erreichte er 17,2 Knoten statt 7,6 Knoten beim älteren Typ VII C [6]. Das Boot kam zu spät, um den Kriegsverlauf zu beeinflussen [6]. Eines davon, U 2540, versenkte seine Besatzung 1945. Es wurde 1957 gehoben, diente der Bundesmarine als Versuchsboot "Wilhelm Bauer" und liegt seit dem 28.04.1984 als Museum im Hafen von Bremerhaven. Es ist das einzige erhaltene Boot dieses Typs, das man besichtigen kann [6].

Ein langes graues historisches U-Boot liegt in einem ruhigen Hafenbecken, das Wasser spiegelt den Rumpf
Bild: KI-generiert

Das deutsche Uranprojekt

Die Kernspaltung hatten Otto Hahn und Fritz Straßmann im Dezember 1938 in Berlin entdeckt [7]. Während des Krieges koordinierte zunächst das Heereswaffenamt die deutsche Atomforschung, wissenschaftliches Zentrum war das Kaiser-Wilhelm-Institut für Physik unter Werner Heisenberg. Ende 1941 ging das Projekt an den Reichsforschungsrat [7]. Eine einsatzfähige Atombombe entstand in Deutschland nicht.

Nach Kriegsende internierten die Briten zehn deutsche Physiker auf dem Landsitz Farm Hall. Die Nachricht vom Abwurf auf Hiroshima überraschte sie. Einige behaupteten danach, sie hätten gar nicht an einer Bombe gearbeitet. Daraus entstand die Legende von den "anständigen Wissenschaftlern", die ihre Forschung absichtlich verzögert hätten [7]. Wie die USA die Bombe bauten, beschreibt die Seite zur Entwicklung der Atombombe.

Warum die Wunderwaffen den Krieg nicht wendeten

Die Waffen kamen ab Mitte 1944 an die Front, als die Alliierten schon in Frankreich standen und den Luftraum beherrschten [1, 5]. Nach dem ersten V1-Einsatz schlug die Begeisterung in der Bevölkerung im Sommer 1944 in Skepsis um, weil die versprochene Wende ausblieb [1]. Von der Me 262 kam nur etwa jede fünfte Maschine in den Kampf, das Elektroboot fuhr vor Kriegsende nicht mehr gegen den Feind, und die Raketen töteten vor allem Zivilisten in London und Antwerpen [1, 5, 6]. Den Verlauf des Krieges zeigt die Seite zum Zweiten Weltkrieg.

Nach 1945: Raketenbauer in den USA

Wernher von Braun ergab sich bei Kriegsende zusammen mit anderen leitenden Mitgliedern seines Teams in den österreichischen Alpen den Amerikanern [8]. Etwa 125 Personen der ersten Gruppe kamen über das Programm "Paperclip" in die USA. Sie arbeiteten zunächst in Fort Bliss in Texas und halfen bei V2-Starts in White Sands. 1950 zog das Team nach Huntsville in Alabama [8]. Nach dem Wechsel der Gruppe zur NASA 1960 leitete von Braun das Marshall Space Flight Center und wurde Chefkonstrukteur der Saturn V, mit der die Amerikaner zum Mond flogen [8]. Die NASA hält in ihrer Biografie auch fest, dass er nach eigener Aussage von 1969 rund 15 Mal in die Region Nordhausen reiste und an Entscheidungen über den Einsatz von Zwangsarbeit beteiligt war [8]. Wie die Mondlandung gelang, steht auf der Seite zur Mondlandung 1969, das spätere Rennen um immer stärkere Raketen auf der Seite zum Wettrüsten.

  1. Organisation Johannes Leicht: Die "Wunderwaffen" V1 und V2 (LeMO). Deutsches Historisches Museum. Stand 09.11.2023. abgerufen am 29.10.2026
  2. Organisation Chronik Peenemünde 1936 bis 1945. Historisch-Technisches Museum Peenemünde. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  3. Organisation Dora-Mittelbau: Overview (Holocaust Encyclopedia). United States Holocaust Memorial Museum. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  4. Organisation Turbojet engine Jumo 004 (Flugwerft Schleißheim). Deutsches Museum. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  5. Organisation Messerschmitt Me 262 A-1a Schwalbe (Swallow). Smithsonian National Air and Space Museum. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  6. Organisation Geschichte und Technik des U-Boots Wilhelm Bauer. Technikmuseum U-Boot Wilhelm Bauer e.V.. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  7. Organisation Felix Mühlnickel, Arnulf Scriba: Atomwaffenforschung im Zweiten Weltkrieg (LeMO). Deutsches Historisches Museum. Stand 24.11.2022. abgerufen am 29.10.2026
  8. Behörde Wernher von Braun. NASA. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  9. Organisation Geschichte: Vertiefende Informationen. KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026

Zuletzt geprüft am 29.10.2026, nächste Prüfung spätestens im Oktober 2027. Fehler entdeckt? Schreib uns.